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Selbständig Denken will gelernt sein

Grobe Mängel beim „selbstständigen Lernen“ werden laut einer Studie bei unseren Volksschulkindern diagnostiziert. Den Grund sehen die Experten in der geringen Anzahl an Experimenten im internationalen Vergleich und sprechen sich für eine „neue Fehlerkultur“ aus.

In Österreich wird im Sachunterricht an den Volksschulen weniger experimentiert und beobachtet als in jenen Staaten, die bei der internationalen Volksschul- Bildungsvergleichsstudie TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) im Spitzenfeld liegen.

Die Kinder werden auch nach dem Erlernen eines neuen Gebiets seltener aufgefordert, selbstständig für sich noch einmal eine Erklärung zu formulieren, so die österreichische TIMSS-Projektleiterin Birgit Suchan bei der Präsentation des TIMSS-Expertenberichts .

Bei TIMSS wurden bei den Naturwissenschaften (Gesamt-Punktezahl für Österreich: 526) die Gebiete Biologie, Physik und Erdkunde abgefragt. Erdkunde war dabei der relativ stärkste Bereich (532) der österreichischen Kinder, Physik (514) der schwächste. Die Biologie lag mit 526 genau im Schnitt - obwohl diese im Lehrplan am stärksten vorkommt. Bei den kognitiven Bereichen „Wissen“, „Anwenden“ und „Begründen“ zeigten die heimischen VolksschülerInnen vor allem beim Begründen Schwächen - offenbar gebe es Probleme beim „Transfer von formellem Wissen“, so Suchan.

Die bloße „Produktvermittlung“ im Unterricht bzw. die Weitergabe fester Regelwerke sei wenig förderlich für den Aufbau selbstständiger Denkprozesse. Während in Österreich nur sechs Prozent der SchülerInnen in zumindest der Hälfte der Stunden selbst experimentieren dürfen, tun dies 41 Prozent in den TIMSS-Spitzenländern wie Japan, Singapur, Taiwan und Hongkong.

Ähnlich sieht es im Mathematik- Unterricht aus: Die österreichischen LehrerInnen halten Maßnahmen zur inneren Differenzierung zwar für sehr wichtig - im Unterricht wird sie aber nicht durchgängig umgesetzt.

So gaben nur 41 Prozent der LehrerInnen an, die SchülerInnen in jeder Stunde bzw. in den meisten Stunden eine neue Aufgabenstellung selbst erarbeiten zu lassen und nur 49 Prozent, den Lösungsweg einzelner SchülerInnen zu einer Frage zu besprechen. Als wesentlichen Grund für die nicht umgesetzte Differenzierung gaben die Lehrkräfte die Angst davor an, sonst den Stoff nicht durchbringen zu können.

„Neue Fehlerkultur“ erwünscht

SchülerInnen sollten Lösungswege ausprobieren, dabei Fehler machen und mit den LehrerInnen darüber diskutieren dürfen. Auch Irrwege sind dabei gewollt. Dafür müsse man weg von einer „stringenten Beurteilungskultur mit richtig oder falsch“.

Bei der Lehrer-Ausbildung merken Fachdidaktiker im Bericht an, dass es keine fachbezogenen Schwerpunktsetzungen wie in manchen anderen Ländern gibt. In Österreich müssten die Lehrkräfte Allrounder sein, so Suchan.

Dieser „Mythos vom Generalisten, der alles gleich gut kann“ ist für die Humanwissenschafterin und Didaktikerin Maria Kernbichler (Uni Klagenfurt, PH Burgenland) nicht haltbar. Die PädagogInnen stießen fachlich an ihre Grenzen und bräuchten Unterstützung - nicht nur im naturwissenschaftlichen, sondern auch im kreativen Bereich.

Zwar will sie nicht generell weg vom Klassenlehrersystem an den Volksschulen, da es für Kinder in diesem Alter besser sei, nur wenige Bezugspersonen zu haben. Ihr schwebe vielmehr ein „Buddy-System“ vor, bei dem an jeder Volksschule jeweils ein Lehrer eine vertiefende Ausbildung in den betreffenden Gebieten hat. 

Weitere Informationen:
www.bifie.at
www.timss.mpg.de

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